Objektiver Journalismus oder Hofberichterstattung: Bemerkungen zur Entstehung einer Reisegeschichte

Es gibt Stories, die besonders viel Spaß machen. Meine Anfang April 2014 in der FAZ erschienene Geschichte „Was ist schon ein Grizzly im Garten?“ gehört dazu. Dafür besuchte ich einheimische noch lebende Pioniere, die als junge Leute diesen Teil Kanadas erschließen halfen, und ließ sie von damals erzählen. Ohne Hilfe von dritter Seite wäre die Geschichte allerdings nicht zustande gekommen.

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Hat das Chilcotin noch ohne Zäune und Straßen erlebt: Roy Grinder, Cowboy

Nicht gerade ein Reise-Thema! Die Idee zu der Geschichte kam, als ich von GOLD hörte. Thomas Arslan hatte den Western um eine Gruppe deutscher Pioniere gerade in der Region Cariboo/Chilcotin in British Columbia abgedreht. Im Frühjahr 2013 wurde der Film, noch vor dem offiziellen Kinostart, jedoch auf der Berlinale von der Kritik verrissen. Zuviel düster-schöne Landschaft, hieß es, zu wenig harter Pioniersalltag. Und zu viel zwanghafte Suche nach Tiefe, dachte ich ein paar Monate später, als ich im Chilcotin den Film zufällig vorab zu sehen bekam. Um ganz ehrlich zu sein: Ich langweilte mich mit Nina Hoss & Co. zu Tode. Was Quentin Tarantino oder Clint Eastwood wohl aus diesem Drehbuch gemacht hätten ..

Eines blieb allerdings hängen. „Zu wenig Pioniersalltag“. Da kann man doch was tun, sagte ich mir, und hängte mich ans Telefon. Bei Cariboo Chilcotin Coast (www.landwithoutlimits.com), dem für die Region zuständigen Fremdenverkehrsamt in British Columbia, zeigte man sich offen. Eine Geschichte über die Pioniere der Gegend hatte so noch niemand gemacht, und ja, ein paar der alten Herrschaften seien noch „around“ und bestimmt bereit, sich mit mir zu treffen. Dann ging es ans Casten der Interviewpartner. Ich hatte das Glück, bei CCC jemanden zu treffen, der sich 200-prozentig in das Projekt reinhängte. Neue Wege zu gehen, anstatt die üblichen Verdächtigen der lokalen Tourismusindustrie aneinaderzureihen, reizte auch ihn. Gemeinsam fertigten wir eine Liste mit Kandidaten an, von denen am Ende eine Handvoll übrig blieb. Dann zog ich los. Das Resultat fand seinen Weg in den Reiseteil der FAZ – und rangierte im FAZ-Ranking der am meisten gelesenen Reisegeschichten eine Woche lang ganz oben.

Warum erzähle ich das? Nun, dieser Tage habe ich wieder einmal einen Artikel über die ewig junge Seinsfrage des Reisejournalismus gelesen und mich wieder einmal mächtig geärgert. Das Thema des Artikels hieß: Sind auf gesponserten Pressereisen entstandene Reiseberichte objektiv? Die Antwort darauf kam natürlich – wie fast immer – postwendend und lautete: Nein, natürlich nicht! Schließlich lässt sich so ein Reisejournalist ja kaufen und berichtet entsprechend einseitig. Das Wechselspiel zwischen den freien Reisejournalisten und den PR-Agenturen wurde in diesem Artikel auf ein simples “Alle, die sich nicht kaufen lassen, um objektiv und unabhängig zu berichten, sind die Aufrechten, die Guten” und “Alle, die sich auf gesponserte Pressereisen einladen lassen, machen Hofberichterstattung und sind deshalb die Käuflichen, die Schlechten” reduziert. Auch wurde nicht unterschieden zwischen reinen Service-Geschichten und klassischen Reiseberichten, wie sie ja ebenfalls in Tages- und Wochenzeitungen zu lesen sind.

Sind Reiseberichte, die auf gesponserten Pressereisen entstehen, objektiv?

Die miese Situation der freien Reisejournalisten ist ja hinlänglich bekannt. Wir strampeln uns ab wie die Blöden. Viele von uns haben aufgegeben, andere halten sich so gerade über Wasser. Allerdings, nicht wenige erleben dank der Neuen Medien auch einen ganz erstaunlichen Neustart. Auch PR-Agenturen denken um, aber davon später. Ich arbeite als freier Reisejournalist in Kanada. Ich kann meine Rechnungen bezahlen, bin also weder arm noch reich. Ich reise für deutsche Abnehmer kreuz und quer durch Kanada und die USA. Dabei schließe ich, wenn nötig, auch “den Pakt mit dem Teufel”, sprich: nehme die Unterstützung von PR-Agenturen an. Denn das Zeilenhonorar allein kann ja, und dies wird merkwürdigerweise von eben jenen Kritikern anerkannt, die Reise des freien Reisejournalisten zum Nordpol nicht finanzieren ..

Doch dass nun die PR-Agenturen, in welcher Form auch immer, Einfluss auf den Inhalt meiner Geschichten nähmen, kann ich nicht  bestätigen. Schon gar nicht nach meinen Erfahrungen mit der Pioniersgeschichte. Im Gegenteil: In der Regel ist man professionell genug, mich gewähren zu lassen. Die einzige Bedingung ist in der Regel, dass der Klient der Agentur – eine Region, ein Hotel, ein Outfitter etc. pp –  nicht in Grund und Boden geschrieben wird. Doch das tue ich ohnehin nicht. Warum nicht? Weil mich das Thema interessiert. Weil ich vorher meine Hausaufgaben mache, mich informiere und mir Fragen stelle. Handelt es sich um ein Thema, das auch den Leser interessiert? Hält das Produkt, was die Agentur verspricht? Werden meine Leser Anknüpfungspunkte für sich entdecken? Habe ich die Möglichkeit einer Mehrfachverwertung? Erst wenn ich glaube, dass diese Fragen zufriedenstellend beantwortet sind, packe ich die Koffer. Wenn nicht, dann eben nicht. Und mal ehrlich: Wo liegt der Sinn einer Reisegeschichte, die vom Reisen abrät?!

Im Übrigen gilt für mich immer dies: Was kann ich, bin ich schon mal da, noch an Geschichten mitnehmen? Meine tage- und manchmal wochenlange Abwesenheit vom Büro muss sich ja rechnen. Und kann ich, einmal an der Hudson Bay, im Yukon oder sonst wo, ggf. noch ein paar Tage für andere Themen anhängen? Möglicherweise verlängert die PR-Agentur meinen Aufenthalt problemlos und connected mich weiter. Das gilt für Pressereisen, zu denen ich eingeladen werde, noch mehr aber für solche, die ich selbst initiiere und dann gemeinsam mit Sponsoren organisiere.

Keine Hofberichterstattung: Leser schätzen eine gut recherchierte Geschichte

Auf diese Weise kommen nicht nur rein serviceorientierte Geschichten über die neuesten Achterbahnen in Florida zustande, sondern z.B. auch Reisereportagen über Indianerstämme, die auf Bärenbeobachtung umstellen und diese Tourismusform als Motor zur Wiederbelebung ihrer Kultur nutzen. Oder zwei sehr unterschiedliche Geschichten über ein und dasselbe Resort: Die eine eine reine Servicegeschichte über das, was man dort tun und lassen kann, die andere ein Bericht über die Zeit des Resorts als berüchtigtes Internat für Indianer-Kinder, mit Interviews von Zeitzeugen und Überlebenden. Will sagen: Selbst kritische Geschichten mit Hintergrund und Kontext, zumindest ist dies meine Erfahrung, werden von PR-Agenturen nicht nur akzeptiert, sondern auch willkommen geheißen. Sie – und auch die meisten deutschen Reiseredaktionen – wissen, dass die Leser nicht von gestern sind. Sie wissen, dass die Leser eine Pressemitteilung von einem solide recherchierten, klassischen Reisebericht unterscheiden können. Sie wissen, dass die Leser gute Geschichten schätzen. Und ich wette, dass viele Agenturen auch dies wissen: Dass nämlich selbst die Beschreibung und Erklärung von Problemen im Destinationsgebiet von den Lesern gewürdigt wird und diese, solange der Bericht ausgewogen ist und verlässlich informiert, am Ende nicht von einer Reise dorthin abhält.

Bevor man nun den Stab über mir bricht: Dies sind meine ganz persönlichen Erfahrungen im nordamerikanischen Kontext. Mag ja sein, dass andere Kollegen in anderen Teilen der Welt mit anderen Partnern andere Erfahrungen machen und anders arbeiten. In den immer wieder auftauchenden Berichten zum Thema finde ich mich jedenfalls nicht wieder. Mich ärgert diese immer wieder auf uns Freie zielende Verdächtigung der Hofberichterstattung. Anstatt derlei unzeitgemäße Plattitüden zu wiederholen, sollten endlich einmal jene freien Reisejournalisten gewürdigt werden, die trotz aller Widrigkeiten die Leidenschaft für ihren Job nicht verlieren und tagtäglich mit Herzblut und Kreativität und für einen Monatslohn, für den die meisten Leser morgens nicht mal aufstehen würden, die täglich neuen Herausforderungen annehmen und die Frage, ob das noch Reisejournalismus ist, wenn sie sich einladen lassen, einfach rechts überholen. Denn sich auch noch damitauseinanderzusetzen, dazu haben wir einfach keine Zeit.

Und ja, es ist ein geiler Job.

Sorry, aber das musste ich mal loswerden.

 

Zu meinem FAZ-Bericht „Was ist schon ein Grizzly im Garten?“ geht es hier entlang. Viel Spaß!

FAZ-Bericht "Was ist schon ein Grizzly im Garten?"
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Autor: Ole Helmhausen

Ole Helmhausen ist freiberuflicher Reisejournalist, Autor, Fotograf, Blogger und VJ und bereist seit 20 Jahren im Auftrag deutschsprachiger Zeitungen, Magazine und Verlage die USA und Kanada. Er lebt in Montréal (Kanada). Sie finden ihn auch auf: Facebook, Google+ und Twitter.

8 Kommentare

  1. Sehe ich genauso. Vor allem „Und mal ehrlich: Wo liegt der Sinn einer Reisegeschichte, die vom Reisen abrät?!“ finde ich einen wichtigen Punkt, bei dem ich selber immer wieder hadere.

    Ich komme ja eigentlich aus dem Lokaljournalismus und gehe deswegen recht kritisch an Themen heran. Nur: Leser des Reiseteils wollen sich inspirieren lassen. Und ein übermässig kritischer Artikel gehört dann wohl weniger in den Reiseteil, sondern eher in den Auslandsteil einer Zeitung.

  2. Hallo Ole
    Für mich als Canada-Reisenden zählen doch nur Berichte, die der Schreiber selber erlebte. Nach meinem Motto: Höre auf die, die dort sind wo du hinwillst oder was die getan haben, was ich tun will!!
    Ich bin gespannt auf neue, inspirierende Reiseberichte von dir.
    Herzlichen Dank aus Marieville QC, Hans

  3. Hallo Ole,

    genau meine Einstellung! Was interessiert einen Leser, warum sich ein Reiseziel oder eine Attraktion nicht lohnt? Der liest doch viel lieber Geschichten über authentische Erlebnisse, deren Hintergründe und die Region, in der sich etwas ereignet, als den Verriss eines bestimmten Hotels oder einer Destination. Wenn ich mein eigenes Leseverhalten beobachte, dann klicke ich solche Negativ-Geschichten immer gleich weg. Lieber lasse ich mich von Deinen Geschichten über die Arktis in jene fernen Regionen entführen und träume von Eisbären, Eisschollen und Eisbergen.

    Dass man als freier Reisejournalist und Reiseblogger, der fast das ganze Jahr auf Reisen ist, solche Touren nicht selbst finanzieren kann, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. Vielmehr bewundere ich jene, die trotz der geringen Einnahmen, die ein freier Journalist oder Reiseblogger heute allein über das Bloggen und Publizieren verdient, am Ball bleiben und sich weiterhin auf die Suche nach tollen Geschichten und interessanten Regionen begeben.

    Einen guten Reisejournalisten und Reiseblogger machen doch die authentischen Geschichten aus, die er von seinen Reisen mitbringt – nicht die Lobhudeleien und Superlative, die inzwischen jeden Punkt der Erde zum Top-Reiseziel der Welt hochstilisieren. Oder die Berichte, in denen eher der Blogger im Mittelpunkt steht als die Region, die er gerade bereist.

  4. Hallo Ole,

    das Wichtigste ist der Leser. Für ihn machen wir die Reportagen um vorab Reiseinspiration zu liefern. Ob er nun selber hinfährt oder nur davon träumen will. Erfahrene Pressepartner bringen Journalisten nicht in Bedrängnis. Sie wissen, dass eine gute Reisereportage von einmaligen Fotos und eigenen, authentischen Erlebnissen lebt. Ich sehe die Zusammenarbeit mit Sponsoren genauso wie du und finde deinen Blogartikel sehr hilfreich und lesenswert.

    Andreas

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