Grand Staircase-Escalante National Monument: Durch Amerika´s letzte Frontier

Die Federal Emergency Management Agency (FEMA) definiert wie folgt: “Flash Floods entstehen in Folge heftiger Unwetter, die innerhalb kurzer Zeit unverhältnismäßig starke Regengüsse erzeugen. Flash Floods entstehen oft ohne Vorwarnung und erreichen innerhalb weniger Minuten ihren Höhepunkt.”

Grand Staircase-Escalante National Monument: Unser Pothole für die Nacht

Das haben die in Washington schön gesagt. Ich jedenfalls habe gerade genug damit zu tun, die Nerven im Zaum zu halten. Die flattern bereits seit zehn Stunden. Zwei schwere Unwetter haben wir in den letzten Stunden erlebt.  Das erste begann um zwei Uhr und endete gegen halb fünf. Dazwischen stieg der Escalante River um zwei Meter. Das Wasser rauschte von der Mesa hinab in die Steinwüste und über 70 Meter hohe Kanten in den Kessel, in dem wir campieren. Der einzige Weg hinab verwandelte sich in einen Wasserfall, was mir ganz entschieden das Gefühl vermittelte, in der Falle zu sitzen. Die Krönung war ein Hagelschauer. Er walzte das Tamarisken-Gestrüpp platt und hinterließ ein Bild wie nach einem Krieg. Als es aufgehört hatte, krochen wir unter unseren Planen hervor wie aus Bunkern und wrangen das Wasser aus den Klamotten. Unverdrossen stellten wir die Zelte und die Küche auf den Schlamm, und bald dampften die Kessel. Aber die Stimmung stieg nur vorübergehend. Das zweite Gewitter kriegten wir gar nicht mit. Es ging über dem Boulder Mountain 40 Kilometer nördlich von uns runter. Nach Einbruch der Dunkelheit leuchtete jemand mit der Taschenlampe auf den Fluss und stellte fest, dass er nicht mehr da war. Grant Johnson, unser Guide, erklärte das mit der Topografie der Gegend. Wahrscheinlich seien die engen Creeks und Gulches flussaufwärts, die in den Escalante River entsorgen, von Treibholz verstopft. Und wenn die Dämme brechen, Grant? Der grinste: “Dann seht Ihr eine richtige Flash Flood!”

Grand Staircase-Escalante National Monument: Gänsemarsch durch die Hitze

Inzwischen ist Mitternacht, und ich kriege langsam Panik. Die “Dämme” sind gebrochen, natürlich. Danach war der Escalante retour und stieg noch schneller und als beim ersten Mal, nämlich drei Meter. Jetzt hocken wir dicht zusammengedrängt in der “Küche”, dem höchsten Punkt des Lagers. Der Fluß leckt bereits an einem Tischbein, der Pfad zu meinem Zelt steht unter Wasser. Der Escalante ist nicht länger hübsch und nett. Er ist ein Monster, braun, gierig, gewalttätig. Dreimal so schnell wie vorher rauscht er Richtung Lake Powell, unsere Lichtkegel tanzen über flussabwärts treibende Baumstrünke, Kühlboxen und Verkehrsschilder. Und er steigt weiter. Unheimlich. Aber Grant ist die Ruhe selbst. Der blonde Hüne mit dem jungenhaften Lächeln campiert schon seit 10 Jahren hier. Nie ist was passiert. Trotzdem hat er einen Stock in den Sand gesteckt. Sollte der Fluss ihn erreichen, tritt Plan B in Kraft. Dann müssen wir hier raus. Erst um halb zwei morgens ist Entwarnung. Das Wasser steigt nicht mehr. “Das war´s”, sagt Grant und haut sich seelenruhig in die Falle. Ich kann seine Gewissheit nicht teilen und schlafe lieber in der “Küche”. Den Rucksack bei Fuß.

Grand Staircase-Escalante National Monument: Den Wellen folgen

Das Grand Staircase-Escalante National Monument ist kein Picknik. Es ist der Westen, wie er war, bevor Hollywoodstars hier Ranches kauften und Touristen die Nationalparks überrannten. “One of the last best places in America”, sagt Grant. 1996 von Bill Clinton zum Schutzgebiet erklärt, ist die Sandsteinwüste zwischen Lake Powell und Bryce Canyon die entlegenste Region der Lower 48. Erst 1872 wurde der von dem Nest Escalante Richtung Lake Powell fließende Escalante River entdeckt. Als letzter Fluß in Nordamerika. Kartografiert wurden die Canyons, Mesas, Buttes und Rincons weitere 60 Jahre später. Und heute? Heute ist alles noch immer so wie früher. Während die Nationalparks Zion, Bryce und Grand Canyon mit Smog und Lärmbelästigung kämpfen, gibt es in diesem Schutzgebiet, das so groß ist wie Delaware, Rhode Island und Washington DC zusammen, nach wie vor nur eine Handvoll mehr oder weniger gekennzeichneter Trails. Die beginnen an den Rändern des Gebiets und enden nach ein paar Meilen in einem Canyon, einer Felsspalte oder einem wash-out. Das Innere ist so wie es immer war: wild, leer, unerschlossen. Campingplätze gibt es noch weniger. Oder, wie Grant, der hier mal zwei Wochen lang nach seiner Hündin Molly-Dog gesucht hat, so schön formuliert: “Wenn Du nicht weißt, wo Du suchen musst, findest Du hier niemanden wieder.”

Grand Staircase-Escalante National Monument: Lagebesprechung

Von allen, die in dieses Labyrinth aus Tausenden von Canyons und Spalten hinein marschierten und nicht mehr heraus kamen, ist Everett Ruess der Berühmteste. Ruess war 20 und ein früher Aussteiger mit Einsamkeitstick, als er 1934 hier verschwand. Seine Zeichnungen und sehnsüchtigen Texte über den Zauber der unberührten Natur machten ihn in den Canyonlands zum Mythos. Ob er verhungerte, verunglückte oder ermordet wurde, niemand weiß es. Manche schwören, er sei noch am Leben. Mal wird er mit seinen Eseln irgendwo auf dem isolierten Kaiparowits Plateau gesehen, dann wieder im Grand-Staircase-Sektor, wo das Land in gigantischen Terrassen zum Bryce Canyon National Park ansteigt. “Zwei, drei Tage lang traf ich keine Menschenseele, und außer Eichhörnchen und Vögeln sah ich auch keine Tiere. Heute ritt ich meilenweit durch wildes Land, kämpfte mich durch wilden Salbei und widerspenstiges Eichengestrüpp und führte die Esel über eine Wand in die Schlucht hinunter, die so steil war, dass sie fast abgestürzt wären. An einer Stelle, die einem wie das Ende der Welt vorkommt, schlug ich mein Lager auf.” Das kann auch heute noch geschrieben werden.

Grand Staircase-Escalante National Monument: Morgenwäsche

Der Morgen danach. Der Escalante fließt wieder in Kniehöhe. Als wäre nichts gewesen. Im Camp dampft es noch vor Feuchtigkeit. Um halb zehn schafft es die Sonne über die Felskanten und taucht den Kessel, den der Fluss ausgewaschen hat, in zauberhaftes Licht. Ich will mich von hier aus ein paar Tage in den Escalante Canyons und oben auf dem Plateau herumtreiben. Dort ist “Slickrock Desert”. So nannten die weißen Pioniere diese versteinerte Ödnis, weil ihre beschlagenen Gäule auf dem glatten Fels ins Schlittern gerieten. Mir aber behagt´s. Das Gehen wird umso leichter werden. Mit jeweils acht Liter Wasser im Rucksack marschieren wir nach dem Frühstück los, mittags soll es glühend heiß werden. Auf dem steilen Cattle Trail, auf dem uns vor 15 Stunden noch gelbbraune Wassermassen entgegen tobten, kraxeln wir hinauf aufs Plateau. Oben blicken wir auf ein dichtes Blätterdach aus Cottonwood-Bäumen und Espen, auf einen grünen Flecken in einer roten, in Stein erstarrten Welt. Gute Neuigkeiten, Houston: Es gibt doch Leben auf dem Mars!

Grand Staircase-Escalante National Monument: Kühlung im Pothole

Und wie. Adler hängen am Himmel, im fein geriffelten Sand hinterlassen Schlangen elegant geschwungene Spuren. Wir folgen zunächst Wegen, die das Wasser vorige Nacht genommen hat. Durch kühle  Spalten geht es und durch flussbettähnliche wash-outs, später über hausgroße Felsbrocken und immer wieder im Spagat über geheimnisvolle Risse. Wo das Wasser schon länger durchrauscht – sprich: seit Jahrmillionen – hat es kreisrunde potholes ausgewaschen. Wie tief die sind, weiß nicht mal Grant. Aber als er sich urplötzlich die Klamotten vom Leib reißt und kopfüber in die schlammbraune Brühe eines dieser Pools springt, der kaum größer ist als der Whirlpool im Hotel, bin ich sicher: ziemlich tief!  Die Gluthitze erleichtert die Entscheidung. Wir springen hinterher, im Nu kühlt die Körpertemperatur um tausend Grad ab. Ich könnte schwören, es kurz zischen gehört zu haben. Hier im Südwesten waren Wasserlöcher wie dieses immer der seidene Faden, an dem Menschenleben hingen. Für die Siedlertrecks Richtung Westen ebenso wie für Banditen und Hiker. Drüben in Nevada, im Valley of Fire bei Las Vegas, konnte ein Desperado namens Mouse seinen Häschern jahrelang entwischen, weil er alle potholes zwischen Vegas und dem Colorado River kannte. Hier brauchst Du nicht viel, um wunschlos glücklich zu sein. Nur schlammbraunes, kaltes H2O.

Grand Staircase-Escalante National Monument: Little Cathedral

Das Land hat Grant gemacht. Früher hat er nach Uran gesucht. Das war in den achtziger Jahren, da gab es weiter östlich in Moab einen kurzen Boom. Als sich das Bohren nicht mehr lohnte, zogen die rauen Kerle weiter. Grant blieb. Er hatte sich verliebt. In die grandiose Stille der Canyonlands. Und in Sue Fearon aus Neuengland. Die ebenso verrückt auf dieses Land war, das Mainstream Amerika vergessen zu haben scheint und wo man noch für zehn-, fünfzehntausend Dollar im Jahr leben kann. 1991 ließen sich die beiden in Boulder am Nordrand des National Monument nieder und gründeten die Firma Escalante Outfitters. Seitdem ziehen sie mit Packpferden und kleinen Gruppen kreuz und quer durch das Labyrinth der Escalante Canyons. Und entdecken auf jedem Trip etwas Neues. Einen namenlosen Canyon oder eine nicht verzeichnete Felsformation, prähistorische Felsmalereien und hin und wieder eine Felsenwohnung, die immer noch so da liegt, wie die Anasazi-Indianer sie vor 800 Jahren verließen. So ganz hat Grant jedoch nicht lassen können vom alten Job: Am Rand von Boulder bohrt und sprengt er jede freie Minute. Wenn er fertig ist, wird der alleinstehende Sandsteinklotz Boulders erste Felsenwohnung sein.

Grand Staircase-Escalante National Monument: On M-Mountain

“In Boulder nennen sie uns deswegen schon Fred und Wilma.” Grant lächelt durch die Zahnlücke und drückt sich den Strohhut fester auf den Kopf. Wir sind Marble Mountain hinauf gekraxelt, einen frei stehenden Tafelberg. Der Wind hier oben trocknet den Schweiß in Minutenschnelle. Die Aussicht: betörend. Wer Mega-Events von Mutter Natur sucht, der sollte zum Grand Canyon fahren oder in den Zion National Park. Die Stärke des Grand Staircase – Escalante National Monument ist die hypnotisierende Leere. Wir blicken auf ein Land, das seiner Erschließung seit Jahrtausenden erfolgreich trotz. Äonen brutaler Mittagshitze haben es geschmolzen, Wind und Wetter haben an ihm herumgehobelt. Massive rote Zinnen recken sich dem blauen Himmel entgegen. Mit der Sonne wandern die Schatten, über knüppelharte Salbeibüsche, verwitterte Sandsteintürme und immergrüne Pinon Pines – ein Farbenspiel, das jeden, der Augen zum Sehen hat, in Ekstase versetzt. Quer über das Plateau mäandert eine dunkle Linie. Sie verrät den Lauf des Escalante River, der sich bis zu hundert Meter tief in den Fels gefressen und Kessel wie unseren ausgewaschen hat. Im Norden der 3000 m hohe Boulder Mountain, im Süden der Walrücken des Navajo Mountain. Die dunkle Linie davor ist 50-Mile-Mountain. Zum Greifen nah: ein mächtiger weiß-gelb-roter-Klotz mit einer tausendfach zerschnittenen Oberfläche, die im Tele wie Elefantenhaut aussieht. “Hab´ ihn M-Mountain genannt”, sagt Grant, “wegen seiner Form.” Drei Stunden stehen wir auch auf seiner Spitze. Zwei Stunden ging es steil aufwärts, über glatten slickrock, der stellenweise so krümelig war wie alter Sandkuchen, und über das V im M, einen schmalen Grat, der zu beiden Seiten über hundert Meter tief abfiel. Etwas unterhalb des Gipfels zeigte Grant uns einen Adler, den hier ein Blitz erschlagen hatte. Was für eine Ruhestätte für den König der Lüfte! An den Rückweg erinnere ich mich nur undeutlich. Meine Knie spielten verrückt. Alle waren müde und benannten Berge und Felsformationen nach weiblichen Körperteilen..

Grand Staircase-Escalante National Monument: Rot und Schattena

“Auf meinen Wanderungen erlebe ich oft ein traumgleiches Prickeln.. Ich glaube, dass die Sinne der meisten Menschen schon so abgestumpft sind, dass sie das gar nicht mehr wahrnehmen.” Wo immer er auch ist, es wurde Ruess beruhigen: Er war nicht der Letzte, der sich verzaubern ließ. Erst kommt der Stress, weil etwas nicht stimmt. Es ist zu still. Und der Stress, Mutter Natur möglichst optimal zu genießen. Aber ein paar Tage später stehe ich entrückt lächelnd und mit dem Kaffee in der Hand am Fluss und beobachte das Spiel der Insekten im zarten Morgenlicht. Eine Viertelstunde stehe ich so da. Die Stille ist verdammt gut bei Stimme. Mein Kuli kratzt so laut über das Papier, als fühle er sich vernächlässigt. Dicke Brummer schweben heran wie Zeppeline und ziehen weiter. Sie haben Wichtigeres zu tun, als mich zu stechen. Die Welt ist so weit weg. Manchmal glotze ich einfach geradeaus, ohne Sinn und Ziel. Ich genieße den Luxus, Zeit einmal nicht nutzbringend verbringen zu müssen. Die Canyons enthalten spirituelle Energie, sagt Grant.

Grand Staircase-Escalante National Monument: Überhang

Man legt da unten keine großen Entfernungen zurück. Drei Kilometer Luftlinie sind in den kurvenreich durch den Sandstein ziehenden Escalante Canyons eine Tagestour. Auf den schmalen Uferstreifen wuchert Tamarisken-Dschungel. Der ist mitunter so dicht, dass man seinen Vordermann verliert, sobald man zwinkert. Hin und wieder hat der Escalante das Ufer einfach mitgenommen. Dann überqueren wir den River, der knietief ist, aber oft auch bis zur Brust reicht, und setzen den Marsch auf der anderen Seite fort. Der Himmel ist ein schmaler, blauer Streifen. Vor uns, hinter uns, links und rechts, überall ist Fels. 30 Stockwerke hoch, rot, gelb, orange und manchmal schwarz. Bis um 1200 n. Chr. war dies die Heimat von Indianern der Fremont- und Anasazi-Kulturen. Tausende von Felsenwohnungen und Pueblos haben sie hier im Südwesten hinterlassen. Von ihnen stammen die Felsmalereien, die wir immer wieder sehen. Jäger mit gespannten Bögen, Geistwesen mit helmähnlichen Kopfbedeckungen, merkwürdige Spiralen, von Archäologen kaum oder gar nicht dokumentiert. Und die fußgroßen Spuren in den Wänden, die viele Generationen in den Fels getreten haben, um zu den gemauerten Getreidespeichern in den Spalten hoch über dem Boden zu gelangen. Mitten in einem lichten Cottonwood-Wäldchen lässt Grant anhalten. Wir hätten die Stelle glatt übersehen. Da gähnt eine Spalte im Fels, ein paar Meter breit und gut und gerne 80 Meter hoch. Grant läßt uns im Fünf-Minuten Abstand hindurchgehen. Auf der anderen Seite: eine Schlucht, die in einer gewaltigen, hangarähnlichen Sackgasse endet. Hier floss der Escalante, bevor er einen direkteren Weg durch den Sandstein fand. Grant hat diesen Ort “Little Cathedral” genannt. Es ist kühl und dunkel. Und so still, dass man den Auslöser der Kamera noch fünfzig Meter weiter hört. Das Allerschönste: Kein Wegweiser irgendeiner Parkverwaltung führt hierher. Wir lagern im Sand und sagen nichts. Wozu auch?

Mehr Infos online unter:

Eascalante Canyon Outfitters: www.ecohike.com

Utah Office of Tourism: http://travel.utah.gov/

Patrice Halley: www.patricehalley.com

Autor: Ole Helmhausen

Ole Helmhausen ist freiberuflicher Reisejournalist, Autor, Fotograf, Blogger und VJ und bereist seit 20 Jahren im Auftrag deutschsprachiger Zeitungen, Magazine und Verlage die USA und Kanada. Er lebt in Montréal (Kanada). Sie finden ihn auch auf: Facebook, Google+ und Twitter.

2 Kommentare

  1. Hallo Hans,

    immer wieder vielen Dank für Deine Besuche auf meinen Seiten! Was meinen „Mut“ angeht: Ich glaube, ich brauche mehr Mut beim Radfahren in Montréal als beim Hiking in der Wildnis ..:)! Mach´s gut und bis bald, Ole

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